Montag, 30. März 2015

[INTERVIEW] Daniel Illger

Daniel Illger ist der Autor von "SKARGAT - Der Pfad des schwarzen Lichts", das im Februar 2015 bei Hobbit Presse/Klett-Cotta erschienen ist. "SKARGAT" ist sein Erstlingswerk. Eine Rezension zum Buch findet ihr hier. Freundlicherweise stand Daniel der Bibliothek von Imre für ein Interview zur Verfügung.

Hallo Daniel! Erst einmal vielen Dank, dass du dir neben deiner regulären Arbeit und der Arbeit an deinem zweiten Buch Zeit für dieses Interview nimmst. Auf deine reguläre Arbeit möchte ich gleich noch zu sprechen kommen aber vorher hätte ich noch eine andere Frage. Wie bist du auf die Idee gekommen überhaupt einen Roman zu schreiben?


Es war mir schon in der Kindheit ein Anliegen – oder eigentlich eine Lebensnotwendigkeit – Geschichten zu erzählen. Mit sieben oder acht Jahren habe ich mit Rollenspiel angefangen, dann eine Weile lang Comics gemalt. Mir wurde aber recht früh klar, dass ich vor allem schreiben will.

Viele Fantasyautoren sind oder waren Rollenspieler und viele Rollenspieler schreiben. Was meinst du, warum das so ist? Hilft das Rollenspiel beim Schreiben?


Meine erste Begegnung mit tolkienesken Welten hat im Rollenspiel stattgefunden. Ich vermute, dass es vielen jüngeren Fantasyautoren ähnlich geht. Ob Rollenspiel allgemein beim Schreiben hilft, weiß ich nicht. Ich persönlich kann allerdings behaupten, vor allem als Spielleiter einiges gelernt zu haben, was mir bei auch bei SKARGAT zugute kam. Das betrifft etwa Dialogführung und die Gestaltung von atmosphärisch intensiven Szenen.

Hauptberuflich bist du ja Filmwissenschaftler. Hat dich dieser Hintergrund beim Schreiben von SKARGAT beeinflusst? Wenn ja, wie?


Bei meiner Arbeit an der Freien Universität habe ich sehr viel Gelegenheit gehabt, darüber nachzudenken, wie Erzählen funktioniert: Erzählen in Bildern und mit Sprache. Ich denke, dass das mein Bewusstsein dafür geschärft hat, was ich als Autor will. Darüber hinaus war ich in der glücklichen Situation, die Themen meiner Lehrveranstaltungen meistens selbst aussuchen zu können. Ich habe diese Freiheit genutzt, um unter anderem Seminare über das italienische Horrorkino, die Figur des Vampirs oder Exploitation- und Trashfilm anzubieten. Bei der Recherche für diese Seminare bin ich mit vielen Filmemachern, Autoren und Theoretikern in Berührung gekommen, die mir sonst vermutlich unbekannt geblieben wären. Eine große Entdeckung war für mich beispielsweise der französische Regisseur Jean Rollin, der einige der merkwürdigsten Vampirfilme aller Zeiten gedreht hat.

Ich habe im Internet gelesen, dass eines deiner Forschungsinteressen die Genretheorie ist. Mit SKARGAT hältst du dich nicht an etablierte Genregrenzen, sondern vermischt Fantasy und Gespenstergeschichten. Ist das zufällig so entstanden oder war es eine bewusste Entscheidung?


Das war in der Tat eine bewusste Entscheidung. Sie hatte allerdings nichts mit wissenschaftlichen Erwägungen zu tun. Es ist einfach so, dass ich schon immer eine Vorliebe für Horror hatte, insbesondere Gothic-Horror. Und irgendwann ist mir aufgefallen, dass die eigentlich naheliegende Mischung zwischen High Fantasy und Gothic-Horror ganz und gar nicht gängig ist. Von diesem Zeitpunkt an hat mich der Wunsch umgetrieben, beide Genres miteinander zu verschmelzen.

Ich meine in SKARGAT einige lovecraftschen Motive entdeckt zu haben. Sehe ich das richtig?


Ja, das ist richtig. Die Leichenfresser sind meine Interpretation der Ghouls aus „Pickman’s Model“ und vor allem „The Dream-Quest of Unknown Kadath“.

Ich bin selbst auch ein großer Lovecraftfan. Was fasziniert dich an Lovecrafts Werk? Inwiefern hat es dich (literarisch) beeinflusst?


Was mich an Lovecraft am meisten fasziniert ist die Idee, dass das wahre Grauen nicht einfach unser Leben bedroht, sondern unsere Vorstellung davon, wie das Universum beschafften sei, in ihren Grundfesten erschüttert. Bis zu dem Punkt, wo selbst Raum und Zeit nicht mehr verlässliche Größen darstellen, sondern die ihnen innewohnende Dämonie offenbaren. Lovecraft nennt das „Kosmischen Horror“. Das Tolle ist nun, dass sich der Kosmische Horror nicht nur mit der größten Angst verbindet, sondern zugleich mit dem größten Glück: Denn Raum und Zeit schlagen uns ja auch in Ketten, indem sie uns ihre Regeln und Gesetzmäßigkeiten aufzwingen. Somit ist es eine – wenngleich schwindelerregende und grausige – Befreiung, die Grenzen ihrer Gültigkeit zu erfahren.

Gibt es sonst noch literarische Einflüsse, die dir bewusst sind? Oder vielleicht Filme oder Musik, die dich beeinflusst haben?


Eine meiner prägendsten frühen Leseerfahrungen war Stephen Kings Erzählband NIGHT SHIFT. Der erste Fantasy-Autor, der mich nachhaltig beeindruckt hat, war Robert E. Howard. Später habe ich dann für lange Zeit überhaupt keine Fantasy gelesen, sondern vor allem Autoren, die als Klassiker der Weltliteratur gelten. Von diesen haben mich vor allem Dostojewski, Faulkner, Camus, García Márquez, Dickens und Thomas Mann geprägt. Das Erweckungserlebnis in Sachen Fantasy war für mich, wie bei so vielen, die Lektüre der ersten Bände von A SONG OF ICE AND FIRE. Seit ich Martin gelesen habe, weiß ich, was Fantasy kann: nämlich alles.

Was das Kino betrifft: Da habe ich eine besondere Schwäche für italienische Genrefilme der 60er und 70er Jahre. Meines Erachtens verdanken wir Mario Bava, Dario Argento und Lucio Fulci die poetischsten Horrorfilme, die jemals gedreht worden sind. Ich liebe aber auch die Gialli, Polizeifilme und Western. Ganz allgemein sind meine Lieblingsgenres wohl der Horror- und Gangsterfilm in ihren verschiedenen Spielarten. Fantasyfilme gibt es leider nur wenige, die mich wirklich begeistert haben.

Lass uns noch ein wenig auf SKARGAT eingehen. Mit welcher Figur kannst du dich am ehesten identifizieren und warum?


Ich glaube, ich identifiziere mich immer am meisten mit der Figur, über die ich gerade schreiben. Lieblinge habe ich eigentlich keine. Die Figuren sind mir alle sehr ans Herz gewachsen, ich kann mich aber auch sehr über sie ärgern.

Ist das Buch so geworden, wie du es dir vorher vorgestellt hast als du mit dem Schreiben begonnen hast oder ist es ein ganz anderes Buch geworden?


Ich gehöre zu den Autoren, für die das Schreiben wie eine Reise in ein fremdes Land ist: Man hat im Vorfeld vielleicht einiges gelesen, Karten studiert, kennt – wenn man Glück hat – die Sprache, doch man weiß niemals wirklich, was einen erwartet. Mir macht die Sache am meisten Spaß, wenn ich meiner Geschichte und meinen Figuren erlaube, mich zu überraschen. Dann können die Dinge durchaus eine Wendung nehmen, die ich nicht vorausgesehen habe. Natürlich braucht man einen Plan, aber vorher bis ins Detail durchkonzipierte Kapitel abzuarbeiten – das wäre nichts für mich.

Du arbeitest ja schon fleißig an der Fortsetzung. Wird die Geschichte mit dem zweiten Band beendet sein oder soll es eine Trilogie oder gar eine Reihe werden?


Zum jetzigen Zeitpunkt ist das schwer zu entscheiden. Wie gesagt: Ich lasse mich gerne von meinen Figuren überraschen. Was ich allerdings schon sagen kann, ist, dass ich versuchen werde, mit zwei oder drei Bänden an einen Punkt zu kommen, wo die erste Hauptgeschichte abgeschlossen ist.

Kannst du schon irgendwas über Band 2 erzählen? 


Im zweiten Band möchte ich die Welt gerne ein Stück weiter auffalten. Es wird Kapitel geben, die in Ahekris spielen, ein Handlungsstrang wird in eine kleine Stadt am Fuß der Fokris-Berge führen, ein anderer nach Donost.

Weiterhin steht fest, dass es zwei neue Perspektivfiguren geben wird, die allerdings beide schon im ersten Band vorgekommen sind. Eine dieser Figuren wird der Totengräber sein, der Justinius im Gespenstergasthof aufgefallen ist. Fest steht auch, dass die Hintergrundgeschichten von Scara und vor allem Vanice eine Rolle spielen werden.

Über den Zeitpunkt der Publikation und den Titel kann ich leider noch nichts sagen. Aber wenn ich weiter so vorankomme wie bisher, sollte das Buch irgendwann im Winter 2015/16 abgabefertig sein.

Abschließende Frage: Wird das Cover von Band 2 eine Katze zeigen?

Nun, wenn man die wirklich wichtigen Figuren würdigen wollte, müsste Scaras Esel Schlappi abgebildet sein. Ich habe allerdings den Verdacht, dass es anders kommen wird.

Vielen Dank für das Interview!



1 Kommentar:

  1. Achje, habe gerade das erste Dritel vom Buch gelesen und bisher irgendwie verpasst, dass es eine (zwei) Fortsetzung geben wird. Wie blöd. Na ja, ich kann ja geduldig sein ...
    Mich hätte noch interessiert, ob eigentlich je ein Pseudonym im Raum stand, wegen dem real life und so.

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