Montag, 27. April 2015

[INTERVIEW] Kirsten Brox


Mit Matamba legte Kirsten Brox dieses Jahr ihren ersten Roman vor. Zuvor hat sie schon mehrere Sachbücher über Agilty ("Hundesport") geschrieben und zwei Märchenanthologien herausgegeben. Mit der Bibliothek von Imre sprach sie nicht nur über Hunde, sondern auch über geekige Dinge und vor allem über ihr neues Buch. (Die Rezension zu Buch findet ihr hier.)

Hallo, Kirsten! Schön, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast. Matamba ist zwar nicht dein erstes Buch aber dein erster Roman. Von daher bin ich mal so dreist, dich als „unbekanntere Autorin“ zu bezeichnen. Stell dich doch bitte mal kurz vor.

Ich bin Kirsten, werde am Liebsten geduzt und bin ein unkomplizierter Mensch, der in allem und jedem das Gute zu sehen versucht. Außerdem bin ich furchtbar ehrgeizig, sowie verrückt nach Organisation und Struktur. Ich liebe Pläne, Diagramme, Statistiken und Kurven. Aufgewachsen bin ich auf einem kleinen Dorf im Münsterland zwischen Pferden und Hunden. Mir ist die Naturverbundenheit wohl in die Wiege gelegt und ohne Tiere würde sich mein Leben sinnlos anfühlen.

Ich habe folgende Selbstbeschreibung von dir gefunden: „nougatsüchtig, pudelophil, verliebt in schöne Worte und eine Prise Geek“. Warum gerade Pudel?

Ich habe schon ein halbes Leben lang Hunde. Der erste eigene Hund war ein Mischling aus Pudel und Terrier. Er hat mich sehr geprägt, war mein Seelenhund und wird immer unvergessen bleiben. Ich erkenne viel von ihm, seiner Intelligenz und den liebenswerten Eigenschaften in den Pudeln wieder, mit denen ich heute zusammenlebe. Sie sind einfach ganz besondere Hunde. Übrigens keineswegs wegen der Wolle, sondern wegen des ganz besonderen Charakters darunter. Die Haare eines Hundes kann man dem Geschmack anpassen, das Wesen nicht.

Noch eine Nachfrage zur selben Selbstbeschreibung: Welche geekigen Interessen hat du?

Nach einem Chemie-Ingenieur-Studium (als einzige Frau unter 40 Kommilitonen) bin ich in die Informatik gewechselt. Das ist an sich ja schon ein geekiges Umfeld und nach 12 Jahren als Systemadministrator, kümmere ich mich jetzt beruflich um Informationssicherheit, ISO 27001 Zertifikate, Security-Awareness-Kampagnen und allerlei technische Richtlinien und Bewertungen. Insofern ist eine Menge vom Geek in mir beruflich bedingt. Außerdem mag ich Star Trek, das Internet mit all seinen Katzen und nerdige Podcasts.

Deine ersten Bücher waren ja Fachbücher über Agility („Hundesport“). Wie kam es, dass du dann zunächst Märchenanthologien veröffentlicht (und dazu beigetragen) und jetzt sogar einen Roman geschrieben hast?

Ich betreibe schon seit 1999 ein Blog zur Hundesportart Agility. Dort veröffentliche ich Parcoursvorschläge und Trainingsideen. Immer wieder habe ich mich darüber geärgert, dass im Fußraum unseres Hundeautos durchgeweichte, festgetretene Parcourspläne herumlagen. Daraus wurde die Idee geboren, etwas Brauchbares zu veröffentlichen. Es sollte unbedingt unter einer freien Lizenz erscheinen. Jeder sollte es für seine Trainingsgruppe kopieren dürfen. Ich wollte, dass die Leute es verändern, Videos vom Training damit drehen, es verteilen und es zum Leben erwecken. Als ich dann bei einem Druckdienstleister die Chance bekam auf beschichtetem Papier mit Spiralbindung zu akzeptablem Preis zu veröffentlichen, habe ich mich gleich hingesetzt und das Buch erstellt. Als guter Geek natürlich mit LaTeX. Das Schreiben, das Lektorat, der Satz, das Layout - alles das hat Riesenspaß gemacht und das Feedback war super.

Das warf die Frage in mir auf: "Vielleicht kannst du das ganz gut mit dem schreiben?" In der Schule hatte ich einen Deutsch-Leistungskurs. Das kam eigentlich nur, weil auf dem Mädchengymnasium kein Informatikkurs zustande gekommen war, aber im Nachhinein fand ich das Fach immer toll. Sprache hat mir immer gefallen, von Poetry-Slams und guten Büchern kann ich nie genug bekommen. Also habe ich angefangen in Foren zu lesen und mir Fachbücher über das Schreiben angeschafft. Ich habe natürlich, ganz wie das meine Art ist, einen Plan gemacht, Kurven gemalt, Diagramme erstellt und mich über jeden neuen Figuren- oder Plotbaukasten gefreut, wie ein kleines Kind. Die erste Kurzgeschichte wurde unter über 200 Einsendungen gleich für eine Anthologie ausgewählt und seitdem bin ich infiziert. Diese Anfangserfolge haben das Ehrgeiz-Flämmchen in mir wohl angezündet.

Als das Sachbuch dann auch noch einen Buchpreis gewann und ich plötzlich 4000 Euro Gewinn in der Hand hielt, kam meine soziale Einstellung hoch. Es macht mir mehr Freude etwas zu verschenken, als etwas für mich zu haben. Deshalb wollte ich mit dem Gewinn etwas Gutes anstellen. In einem der Foren lief mir diese Jugendliche über den Weg, die die grandiose Idee hatte, ein Buch für kranke Kinder zu machen. Autoren, Illustratoren, Korrektoren - alle haben kostenlos mitgearbeitet und die beiden Nimmermärchenbücher helfen hoffentlich nicht nur finanziell, denn der Erlös geht an Krankenhaus-Clowns, sondern eben auch durch die mutmachenden Geschichten.


Warum gerade ein Steampunk-Roman?

Das ist eine gute Frage! Ich hatte noch nie von Steampunk gehört, bis mir ein Freund davon erzählte. Er hat das Wort Steampunk in eine Bildersuche getippt und plötzlich hatte meine Romanhandlung einen ganz anderen Sinn. Das Konzept stand schon vorher, aber jetzt war es, als wenn jemand den Vorhang wegzieht und plötzlich der Blick auf die Bühne frei wird. Genau da wollte ich meine Geschichte erzählen. In einem alternativen 1870! Die zentrale Frage, ob Fortschritt immer begrüßenswert ist oder ob man an Bewährtem festhalten sollte ist zu jeder Zeit und gerade heute interessant. Und genau in diesem Umfeld der Kolonialisierung bekam meine Geschichte eine ganz neue Farbe.

Lass und ein wenig näher auf das Buch eingehen. Der eine Protagonist – Morton Stanley – ist ja sehr nahe an eine historische Persönlichkeit angelehnt aber zu seinem Widersacher Jack Lambert fällt mir gar nichts ein. Ist er frei erfunden oder gibt es irgendwelche Referenzen, die ich nicht erkannt habe?

Jack entstand, als ich über das Bild eines asiatischen Mannes mit Dreadlocks in schickem Anzug mit Zylinder stolperte. Ich habe es gesehen und plötzlich hatte ich die Figur im Kopf. Was, wenn ein Schwarzer 1870 mit Zylinder in gehobenen Kreisen verkehrt? Wie müsste dieser Mann sein?
Es gibt eine Kurzgeschichte von mir in einem Magazin der Anderweltler (leider nicht mehr erhältlich) namens "Erfinderkinder". Dort spielt ein Schulleiter namens Jaques Lambert eine wesentliche Rolle. Es ist noch nicht ganz der Jack, der im Roman lebt, aber aus dieser Figur ist er geboren worden. Der Schulleiter, wie auch der Universitätsprofessor sind ehrlich, gerecht und liebenswert, aber auch geheimnisvoll. Die zentrale Eigenschaft ist wohl die Empathie - ich wollte jemanden, der sich perfekt in sein Gegenüber einfühlen kann. Du hast nichts übersehen, Jack ist eine freie Erfindung.

Ich habe jetzt mehrfach gehört, dass Morton Stanley von anderen Lesern als „Ekelpaket“ oder ähnliches empfunden wurde. Ein Urteil, das ich nicht teile. Wie siehst du selbst diese Figur?

Ich war anfangs auch etwas überrascht über die Heftigkeit der Ablehnung. Ich als Autor habe natürlich eine komplette Lebensgeschichte meines Helden im Kopf. Ich weiß, dass Morton eine wirklich böse Kindheit hatte, dass das Leben ihn wieder und wieder umgeworfen hat, egal wie oft er aufstand, dass er in einem Zeitalter lebt in dem Rassismus selbstverständlich ist. Der Leser startet mit einem weißen Blatt Papier und dann steht da dieser Typ mit Grübchen und Uniform an der Themse. Viele Reaktionen von Morton sind deshalb nicht auf Anhieb verständlich, aber ich betrachte das nicht als Problem.
Wenn ich Figuren einführe, dann gestehe ich dem Leser auch seine eigene Meinung zu. Es ist in meinen Augen ein gutes Zeichen, dass Morton polarisiert. Was soll ein Romanheld, der dem Leser egal ist? Und in einem zünftigen Abenteuer ist everybodys-Darling sicher nicht das beste Konzept. Deshalb bin ich gar nicht unglücklich darüber, dass einige Leser sich so in ihre Abneigung gesteigert haben. Die Figur funktioniert, wenn sie lebendig ist. Ein Leser schrieb, dass er laut geschimpft habe beim Lesen und lebendiger geht nicht.
Ich selbst empfinde Morton als vielschichtig und äußerst korrekten Mann. Jemand mit Tugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß und Ehrgeiz. Heute würde er allerdings beim Bewerbungsgespräch wegen fehlender Social Skills aussortiert.


Wenn wir schon dabei sind: Wenn du für einen Tag eine der Figuren aus deiner Geschichte sein könntest: Wer wärst du gerne und warum?

Ich schwanke zwischen Jack und Lou. Jacks Fähigkeiten und Einfühlungsvermögen klingen verlockend und es wäre sicher aufregend den Abend beim Ball der Rosen zu erleben. Aber ich denke noch lieber wäre ich Lou. Eine starke Frau, gewissen Zwängen unterworfen und beugt sich doch nicht. Technisch begabt, pfiffig und unerschrocken. Eine tolle Frau!
Aber einen Tag lang Victoria sein und sich von Wesley mit Früchten füttern lassen, wäre sicher auch hübsch ;)


Wie siehst es mit den Regionen aus, die im Roman eine Rolle spielen? Verbindet dich etwas mit London und/oder Afrika?

In der achten Klasse habe ich eine 6-wöchige Sprachreise nach Südengland gemacht. Als "Kind vom Land" hat mich der Besuch in London komplett überwältigt. Die schöne Stadt, der Buckingham Palace, die Uniformen und die plötzliche Erkenntnis, dass dieses Fach Englisch doch für was gut ist... Der Aufenthalt hat tiefe Spuren hinterlassen und noch heute kann ich mich an einige Details ganz genau erinnern, als wenn es gerade eben erst gewesen wäre.
Afrika hingegen war auch für mich völlig unbekannt. Ich hatte Dokumentationen gesehen, habe natürlich viel recherchiert - aber im Grunde bin ich mit Morton gemeinsam zum unbekannten schwarzen Kontinent gereist.


Gibt es schon neue Schreibprojekte? Was dürfen wir von dir als nächstes erwarten?

Im letzten Drittel der Fertigung ist ein Roman, der im selben Universum spielt wie Matamba. Er greift Figuren auf und Handlungsstränge, erzählt aber eine eigenständige Geschichte. Er beginnt mit einer Mechanikerin namens Lou, die an der Tower Bridge einen Umschlag bekommt...

Bevor wir zum Ende kommen noch eine letzte Frage, um es dem nächsten, der dich interviewen darf, leichter zu machen: Welche Frage würdest du gerne mal in einem Interview gestellt bekommen?

Ich glaube, du hast dieses Interview absolut perfekt vorbereitet. Die Fragen waren sehr geschickt gewählt, weil ich etwas von mir, etwas von meinen Büchern und etwas Drumrum erzählen konnte. Ich fühle mich ideal befragt und mag deshalb niemandem etwas vorschlagen. Es ist ja auch ein bisschen spannend, was andere so interessant finden. Ich liebe Überraschungen!

Danke für das Lob. Und vor allem vielen Dank für deine ausführlichen Antworten!

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