Montag, 13. April 2015

[REZENSION] Burton & Swinburne


Der echte Swinburne (ca. 1865)
Der echte Burton (1864)

„Burton & Swinburne“ ist der englische Titel einer auf sechs Bände angelegten Reihe von Mark Hodder. Der erste Band, gleichzeitig Hodders Debüt, wurde direkt mit dem Philip K. Dick Award, einem angesehenen Science Fiction Preis, ausgezeichnet. Die deutsche Ausgabe wird unter dem Label Fantasy vertrieben und tatsächlich ist es nicht leicht die Bücher einem Genre zuzuordnen. Steamfantasy oder Alternate History wären auch nachvollziehbare Einordnungen.

Auf Englisch sind bereits fünf der geplanten sechs Bände erschienen. Im Folgenden soll es um die drei schon auf Deutsch erschienen Bände gehen, die ich letztes Jahr zusammen mit Key von den Lesekatzen lesen durfte.

Band 1: Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack 


Die Geschichte beginnt wie ein ganz normaler Steampunk-Krimi. In einem viktorianischen London, dass sich nicht nur durch verschiedene dampfgetriebene Fahrzeuge, sondern auch durch absonderliche Auswüchse der Eugenik (Genetik), von unserem unterscheidet, wird der berühmte Entdecker Sir Richard Francis Burton zum Agent seiner Majestät. Sein erster Auftrag ist zweigeteilt. Zum einen soll er sich um eine Gruppe Wolfsmenschen (Werwölfe?) kümmern, die in London ihr Unwesen treiben und zu anderen soll er sich des so genannten Spring Heeled Jack annehmen. Dieser Stelzenmann wird nicht nur mit mehreren versuchten Vergewaltigungen in Verbindung gebracht, sondern wurde auch im Zusammenhang mit der Ermordung Königin Victorias gesehen. Wer ist dieser Jack? Was will er? Und warum gibt er vor etwas über Burtons Zukunft zu wissen?

Hodders Debüt ignoriert mutig gängige Konventionen. So durchbricht er nicht nur mehrfach übliche Genregrenzen; auch der Aufbau des Buches insgesamt ist eher ungewöhnlich. Dieser Mut zur Grenzüberschreitung ist ein großer Pluspunkt des Buches. Ein weiterer besteht darin, dass Hodder geschickt die realen Persönlichkeiten der damaligen Zeit - die großen Viktorianer, wie er es wohl nennen würde - in seiner Geschichte einsetzt. Nicht Nur Burton und Jack haben reale Vorbilder, sondern mehr oder weniger alle wichtigen Personen.

Doch es gibt auch einige weniger positive Punkte. Am negativsten ist mir der Protagonist aufgefallen. Burton ist viel zu perfekt. Er kann mehr oder weniger alles und gerät dadurch eigentlich nie wirklich in Bedrängnis. Sein Partner Swinburne, der masochistisch veranlagte Dichter, ist da ein wesentlich interessanterer Charakter. Auch die Auswüchse der Eugenik, zum Beispiel Nachrichtenhunde, die den Stadtplan kennen, wirken häufig fehl am Platz und liefern ein humoristisches Element, dass nicht so richtig zum Rest des Buches passen will. Auch den Schluss des Buches fand ich eher schwach. Er war sehr actionreich, was möglicherweise Hodders Vorgeschichte als Drehbuchautor geschuldet ist, passte aber nicht so recht zur ansonsten cleveren Geschichte.

Alles in allem eine clevere und kurzweilige Geschichte mit ein paar Schwächen, die ich unter dem Strich mit knappen 4 Sternen bewerten würde.

Band 2: Der wundersame Fall des Uhrwerkmannes 


Nach "Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack" erzählt Hodder in "Der wundersame Fall des Uhrwerkmannes" die Geschichte des ungleichen Detektiv-Duo Burton und Swinburne weiter.

Durch die Zeitreisen, die im ersten Band geschildert wurden, hat sich das viktorianische Zeitalter in eine überdrehte steampunkige Version verändert. Dies äußert sich nicht nur in verschiedenen dampf- und uhrwerkgetriebenen Vehikeln und Maschinen, sondern auch in einigen sehr abgefahrenen Auswüchsen der Gentechnik (z.B. beleidigende Botensittiche). In dieser verrückten Welt soll Burton, ein Agent seiner Majestät, den Fall des Tichborn-Anspruchstellers untersuchen. Ein Mann der offensichtlich nicht der Erbe der Tichborns ist, gibt sich als eben dieser aus und aus unerklärlichen Gründen hat er dabei großen Erfolg. Warum? Und was hat das mit den als Chorsteinen bekannten schwarze Diamantsplittern zu tun, in denen man angeblich Erinnerungen speichern kann?

Wie schon im ersten Band schickt Hodder seine Protagonisten auf einen wilden Ritt, dessen (vorläufiges) Ende wahrscheinlich kein Leser am Anfang ahnen wird. Dabei sind glaubwürdige, realistische Charaktere (insbesondere Burton ist ein halber Supermann) nicht unbedingt seine Stärke. Statt dessen punktet er mit einer verrückten Geschichte.

Wer den ersten Band mochte und kein Problem damit hat, wenn Genregrenzen gesprengt werden, sollte auch diesen zweiten Band lesen. Wer den ersten Band nicht kennt, sollte nicht mit dem zweiten beginnen.

Auch für den zweiten Band würde ich knappe 4 Sterne vergeben.

Band 3: Auf der Suche nach dem Auge von Naga 


Nach "Der kuriose Fall des Spring Heeled Jack" und "Der wundersame Fall des Uhrwerkmannes" präsentiert Hodder mit "Auf der Suche nach dem Auge von Naga" den dritten Band um das ungleiche Detektiv-Duo Burton und Swinburne.

Im zweiten Band hat sich dann herausgestellt, dass all die seltsamen Entwicklungen im Endeffekt auf drei Objekte zurückgehen. Diese könnte man auch als Waffe gebrauchen. Zwei der drei Objekte wurden bereits gefunden, vom dritten ist der ungefähre Aufenthaltsort bekannt. Am Vorabend des ersten Weltkrieg bricht Richard Francis Burton, der Agent seiner Majestät, mit seinem "Sidekick" Algernon Swinburne und einigen anderen Gefährten nach Afrika auf, um dritte Objekt zu bergen und somit England einen entscheidenen Vorteil gegenüber Preußen zu sichern.

Wie schon in den ersten beiden Bänden schickt Hodder seine Protagonisten auf einen wilden Ritt. Der erste der drei Abschnitte kann dabei locker mit den ersten beiden Bänden mithalten. Im Mittelteil wird es dann aber leider recht belanglos. Die Reise durch Afrika ist eine Aneinanderreihung von Ereignissen die (fast) alle nicht zum Fortgang der Geschichte beitragen. Am Ende findet Hodder dann wieder mehr oder weniger zu seinen alten Stärken zurück. Trotzdem fand ich das (vorläufige) Ende nicht richtig befriedigend.

Wer die ersten beiden Bände mochte, kein Problem damit hat, wenn Genregrenzen gesprengt werden und wissen möchte, wie die Geschichte weiter geht, sollte auch diesen dritten Band lesen. Für sich genommen überzeugt diese Buch aber leider nicht.

Mehr als drei Sterne würde ich für diesen Band nicht vergeben.

Fazit

Mit seiner „Burton & Swinburne“-Reihe präsentiert Mark Hodder eine überdrehte Steamfantasy-Zeitreise-Geschichte mit Stärken und Schwächen. Wer verrückte Geschichten abseits des Mainstreams mag, sollte ruhig einmal einen Blick (vor allem) auf den ersten Band werfen.

(Das Foto von Sir Richard Francis Burton ist public domain. Das Foto von Algernon Swinburne wird unter der Creative Commons BY-NC-ND 3.0 Lizenz verwendet. Copyright: National Portait Gallery, London.)

1 Kommentar:

  1. ALGY!!! Mein präraffaelitischer Ritter!!! *kicher*
    Und Supermann Burton mit Orga-Därf-Schein!
    *verbeug* danke für die Verlinkung. Und ein noch größeres Danke fü die schönen Portrait-Fotogrfien! So hab ich mir die Beiden zwar ganz und gar nicht vorgestellt aber ich freu mich trotzdem, dass du die Rezis noch mal aufgenommen hast hier!
    Gruß Key

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