Sonntag, 3. Mai 2015

[INTERVIEW] Michael M. Thurner

Michael M. Thurner (2013, fotografiert von Xanathon)
Michael Marcus Thurner ist seit 13 Jahren professioneller Autor. Neben Beiträgen zu einigen Heftserien hat er auch SciFi-Romane geschrieben. 2013 erschien mit "Der Gottbettler" sein erster Fantasy-Roman. Dieses Jahr erschien mit "Der unrechte Wanderer" ein weiterer Roman, der in der gleichen Welt angesiedelt ist. Eine Rezension zum neuen Buch findet ihr hier.

Hallo, Michael. Schön, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Auch wenn du schon seit über 10 Jahren schreibst, wird dich wahrscheinlich nicht jeder kennen. Stell dich doch mal kurz vor.

Servus André, alsdann: Ich bin 1963 geboren, lebe seit jeher in Wien, habe zwei mittlerweile erwachsene Kinder und hab wohl kein typisches Berufsleben hinter mir. Irgendwann hab ich zusammengezählt, dass ich mich in ca. 30 verschiedenen Jobs und Berufsfeldern versucht habe. Das ist meist ohne großen Nachhall geblieben. Außer, dass ich danach jeweils gewusst habe, wofür ich NICHT geeignet bin. Ich hatte aber auch die Chance, in Traumjobs zu arbeiten. Und war danach meist ziemlich desillusioniert. Dass ich nunmehr seit 13 Jahren hauptberuflich vom Schreiben lebe, ist eher ungewöhnlich. Aber es mag sein, daß ich irgendwann davon auch genug habe und was Neues ausprobiere.

Du schreibst seit Jahren für diverse Heftserien (Perry Rhodan, Atlan, Maddrax). Heftromane sind – abgesehen von ein paar Jerry Cotton und Butler Parker Heften in meiner Jugend – völlig an mir vorbeigegangen. Einige, allen voran Perry Rhodan, sind ja sehr erfolgreich. Worin liegt die besondere Faszination dieser Reihen?

Ich hab, ehrlich gesagt, selbst noch nicht genau durchschaut, warum ich PERRY RHODAN und andere Serien lese. (Letztlich bin ich ja auch Fan und Leser.) Serien, deren Roman aufeinander aufbauen und eine immer weiter fort geschriebene Historie zeigen, sind halt wegen ihrer Komplexität höchst interessant. Man hat Lieblingsfiguren und Schauplätze, die man besonders mag. Oder man taucht in völlig fremde, exotische Welten ein. Liebt und leidet mit ... Es ist eigentlich wie mit jedem Buch, das man mag. Und man hat den Bonus, dass der Inhalt dieses Buchs Woche für Woche erweitert wird.

Heftromane stehen ja – Stichwort Groschenromane – in dem Ruf literarisch minderwertig zu sein. Wie siehst du das?

Dieses Vorurteil hatte schon in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts keine Berechtigung mehr. Mir ist schon klar, dass lange Zeit Nasen gerümpft wurden, wenn von Heftromanen die Rede war. Aber Abgrenzungen zwischen "normaler" Unterhaltungsliteratur und dem Heftroman gibt es heute kaum noch. Bei PERRY RHODAN haben zum Beispiel die Bestseller-Autoren Andreas Eschbach, Gisbert Haefs, Tanja Kinkel, Markus Heitz etc. Gastbeiträge abgeliefert. Andererseits sind die meisten meiner Autorenkollegen, die überwiegend bei Serien mitschreiben, auch anderwärtig aktiv. Als Sachbuch-Autoren, im Filmgeschäft, als Kinderbuchautoren etc.

Die Heftserien für die du schreibst und auch deine ersten Romane sind SciFi. Seit 2013 („Der Gottbettler“) schreibst du nun Fantasy. Wie kam es dazu?

Die Antwort ist banal: Ich wollte es so. Ich hab bei Blanvalet gesagt, daß ich mich gerne mal im Fantasy-Genre versuchen wollte. Mit den beiden bei Heyne erschienenen SF-Büchern hatte ich vorgezeigt, dass ich mich schriftstellerisch durchaus im Buchformat bewegen konnte, also waren die Verhandlungen recht einfach.

War von Anfang an klar, dass deine Fantasy-Romane unter dem gleichen Namen erscheinen oder stand auch mal ein Pseudonym im Raum?

Nein, ein Pseudonym wollte ich nicht. Ich möchte ja durchaus auch haben, dass PERRY RHODAN-Leser mal zu einem Buch von mir greifen. Das gilt selbstverständlich auch für den umgekehrten Weg.

Du selbst sprichst im Zusammenhang von „Der Gottbettler“ und „Der unrechte Wanderer“ von Dark Fantasy. Man könnte es auch Dirty Fantasy nennen. Warum schilderst du uns so eine schmutzige und „schlechte“ Welt?

Ich möchte es dem Leser nicht zu einfach machen. Ich habe mich bewußt dafür entschieden, eine Welt zu entwickeln, in der es kein Schwarz und kein Weiß gibt, sondern viele graue Zwischentöne. Mir ist durchaus klar, dass ich einen Teil der möglichen Leserschaft abschrecke. Weil meine Wortwahl und meine Beschreibungen manchmal schmerzen. Ich hoffe aber schon, den Leser zu faszinieren und ungewöhnliche Bilder zu zeichnen.

Die Treibgierde [ein Gebilde das im aktuellen Buch eine wesentliche Rolle spielt] könnte ich mir, mit einer anderen Ursache, auch gut in einem SciFi-Roman vorstellen. Wie beeinflusst dein SciFi-Hintergrund dein Schreiben?

Nicht sonderlich. Die Treibgierde hab ich im ersten Buch, im "Gottbettler", schon mal en passant beschrieben. Ohne damals wirklich zu wissen, was sie darstellte. Und als ich mir über den Inhalt des zweiten Buchs "Der unrechte Wanderer" den Kopf zerbrochen hab, erschien mir die Treibgierde als netter Aufhänger für eine neue Geschichte.

Eigentlich frage ich Autoren gerne, wieviel von ihnen selbst in ihren Figuren steckst. Da die Figuren in „Der unrechte Wanderer“ eher interessant als sympathisch sind, traue ich mich nicht, diese Frage zu stellen. Stattdessen möchte ich dich fragen, welchen Charakter du beim Schreiben selbst am interessantesten fandest?

Ich bin beim Schreiben stets sehr nahe an meinen Figuren dran. Manche von ihnen entwickeln ein Eigenleben oder bewegen sich in Richtungen, die ich eigentlich so nicht wollte. Das sind auch oft die stärksten Charaktere. Besonders ausgeprägt war das diesmal bei Amelia Dusong (die eine sehr heftige Wandlung durchmacht) und der Gnom Polpertin. Bei Letzterem überlege ich mir, ob ich ihn nicht in den Mittelpunkt eines weiteren Buches stellen sollte. Oder aber auch Ox, der mir noch nicht viel über seine Vorgeschichte verraten hat.
Wusstest du, als du mit dem Schreiben angefangen hast, was im Detail passieren würde oder ist die Geschichte erst beim Schreiben entstanden?

Beim unrechten Wanderer hatte ich ungefähr zwei Drittel des Textes vorskizziert. Ich hatte eine ungefähre Ahnung, wie das Ende sein würde. Aber letztlich ist es ganz anders als gedacht gekommen.

Ich hoffe, ich spoilere nicht zu sehr, wenn ich sage, dass das Ende von „Der unrechte Wanderer“ Raum für einen weiteren Roman in dieser Welt, vielleicht sogar für eine direkte Fortsetzung bietet. Schreibst du schon an einem weiteren Band?

Voraussichtlich im Feber 2016 kommt bei Blanvalet der Roman "König in Ketten" raus, ein weiteres Fantasy-Buch. Es ist zwar in derselben Welt angesiedelt, verwendet aber bloß einige Begrifflichkeiten. Personen, die aus dem "Unrechten Wanderer" bekannt sind, kommen in diesem Roman nicht vor.

Welche anderen aktuellen Projekte, über die du schon sprechen kannst, verfolgst du zur Zeit?
Was Buchprojekte betrifft, gibt es nix Konkretes. Da folgen in den nächsten Wochen einige Gespräche. Kann sein, dass ich mal eine Fantasy-Pause einlege und was anderes ausprobiere.


Bevor wir zum Ende kommen noch eine letzte Frage, um es dem nächsten, der dich interviewen darf, leichter zu machen: Welche Frage würdest du gerne mal in einem Interview gestellt bekommen?

Hm. Schwierig. Wie wär's mit: "Wie kann man bloß so verrückt sein und Autor werden?"

Gute Frage. Vielen Dank für das Interview.

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