Dienstag, 19. Mai 2015

[INTERVIEW] Otto Redenkämper


In "Dat Leben ist kein Trallafitti!" berichtet der Gelsenkirchener Rentner Otto Redenkämper aus seinem Leben. Die Rezension zum Buch findet ihr hier. Im folgenden Interview spricht er über sein Leben und natürlich auch über das Buch.



Hallo, Herr Redenkämper. Jeder weiß, wie wenig Zeit Rentner haben. Um so mehr freue ich mich, dass sie Zeit für dieses Interview gefunden haben. Manche Leute werden sie und ihr Buch – „Dat Leben ist kein Trallafitti“ – nicht kennen. Stellen sie sich doch bitte kurz vor!

Mein Name ist Otto Redenkämper und in meiner Nachbarschaft in Gelsenkirchen-Buer bin ich quasi bekannt wie ein bunter Hund. Als Rentner, der oft und gerne aus dem Fenster guckt, oder sich um den Vorgarten kümmert, kommt man kurz oder lang mit jedem ins Gespräch. Und sonst bin ich regelmäßig in meiner zweiten Heimat, in Jupps Kiosk anzutreffen und rede mit meinen Rentner-Kumpels über Gott und die Welt. Im Internet bin ich auch als „FensterRentner“ bekannt, denn so heiß ich zum Beispiel auf Twitter oder Instagram. Das Internet ist für mich natürlich ne tolle Sache und noch mal ein ganz anderes Fenster in die Welt.

Sie wohnen in Gelsenkirchen-Buer mitten im Ruhrpott. Was macht den Pott aus ihrer Sicht zu etwas Besonderem?

Der Ruhrpott ist einfach die Legendenregion in Deutschland. Hier wohnen Menschen aus allen Kulturen friedlich zusammen, wenn es drauf ankommt, stehen alle zusammen und vom Millionär bis zum kleinen Mann sprechen hier alle die gleiche Sprache. Hier steht der feine Pinkel im Anzug direkt neben dem Rentner in Joggingbuxe an der Pommesbude und palavert über das letzte Heimspiel von Schalke, Bochum, Dortmund oder auch Duisburg. Hier ist die Wiege des Fußballs, die Heimat der Currywurst und einfach das gemütlichste Fleckchen Erde weltweit.

Eine der Besonderheiten im Revier sind die Kioske, die es in dieser Form nirgends sonst gibt. Erklären sie unseren Lesern, die nicht das Vergnügen haben im Pott leben, doch bitte was sie verpassen!

Eigentlich müssten die Ruhrpott-Kioske längst zum Weltkulturerbe gehören. Hier geht man noch ma kurz „anne Bude“ oder zur Trinkhalle auf zwei drei Pils und verarbeitet seinen Tag. Egal worum es geht, es ist immer einer da, der einen Rat weiß oder einen mit nem flotten Spruch wieder in die richtige Spur bringt. Und in unseren Kiosken gibt’s ja nicht nur kühles Pils, da gibt’s alles von ner frisch gebrühten Tasse Kaffee bis zur mit Liebe selbst gemachten Frikadelle. Für viele im Ruhrpott ist der Stammkiosk das zweite, wenn nicht sogar das erste Wohnzimmer.

Ihr Buch trägt ja den Untertitel „Der Fenster-Rentner erklärt die Welt“ aber wenn man das Buch liest, hat man den Eindruck, dass in ihrem Leben so viel passiert, dass sie kaum zum Imfensterliegen kommen. Täuscht der Eindruck?

Das stimmt schon. Ich versuch ja immer wieder in Ruhe meinen Posten im Fenster zu beziehen. Mit ner schönen Tasse Kaffee in der Hand, einem Kissen unter den Armen und mit wachem Blick auf mein Revier, aber meistens kommt irgendwas dazwischen. Das hätt ich vorher auch nicht geahnt, dass du als Rentner so in Stress kommst. Du musst zum Arzt, deine Frau will mit dir durch die Möbelhäuser oder womöglich noch in Urlaub fahren, dann willst du zum Kiosk, musst aber noch die Einkäufe im Discounter erledigen, der Friseur will auch mal wieder besucht werden und im Sommer wartet natürlich der Schrebergarten. Da kommt schon ne ganze Menge zusammen.

Was macht so viel Spaß am Imfesterliegen, dass man selbst in ruhigen Nebenstraßen Rentner bei dieser Tätigkeit beobachten kann?

Das ist einfach dieses Gefühl alles im Blick und damit im Griff zu haben. Wenn du im Fenster liegst, dann kann dir nichts passieren. Hinter dir passt deine Frau auf die Wohnung auf und du kümmerst dich um die freie Wildbahn auf deiner Straße. Klassisches Beispiel, die Müllabfuhr kommt und vergisst ne Tonne. Sitzt du nicht passend im Fenster und schreist einmal kurz runter „Hömma, da fehlt ne Tonne“, kannst du dich erst mal einen Nachmittag durch die Hotline der Müllabfuhr telefonieren.

Kommen wir zu einem anderen Thema, dass keinen im Pott kalt lässt: Fussi, Fuppes, Fussek oder hochdeutsch Fußball. Warum spielt Fußball im Revier so eine wichtige Rolle?

Erst mal ist der Ruhrpott die Wiege des Fußballs, das ist nun mal Fakt. Und dann passt der Sport natürlich perfekt zu unserer Malocher-Region. Wo hart gearbeitet wird, da wollen die Leute am Wochenende auch mal gerne dabei zugucken, wie andere hart arbeiten. Und das sind die Fußballer auf dem Platz. Und deshalb kannst du dir als Fußballer im Pott auch so gut wie alles erlauben, Hauptsache du gibst am Wochenende alles. Wenn nicht, kann es schon mal ungemütlich werden. Und sonst ist der Fußball ja auch so was wie der Kleber für den Ruhrpott. Jeder kann mitreden, jeder hat eine Meinung dazu. Und wenn du irgendwo stehst, sagen wir mal an einer Bushaltestelle und dir ist langweilig, fängst du einfach an mit den Leuten über Fußball zu reden und dann geht das innerhalb von zwei Minuten so rund, dass der Bus an einem vorbeifährt, ohne dass einer dran denkt einzusteigen.

Ich als gebürtiger Essener kann ihre Begeisterung für die Königsblauen natürlich nicht nachvollziehen aber das soll hier keine Rolle spielen. Schafft es der S04 nächstes Jahr wieder in die Champions League?

Das ist jetzt aber ein ganz heikles Thema. Auf Schalke brodelt es ja gerne mal. Wahrscheinlich ist die Schalke in dem Moment, wo das Interview hier rauskommt schon wieder eine komplett andere, als jetzt gerade, wo ich die Frage hier beantworte. Von daher bring ich es einfach mal auf den Punkt: „Schalke ist der geilste Club der Welt!“. Und das ist er ja auch deshalb, weil immer irgendwas los ist. Und nächstes Jahr schaffen wir es natürlich wieder in die Champions League, im Sommer wird es einen kleinen bis großen Umbruch geben und dann geht’s rund. Aber noch ein Wort zu Essen: Wird Zeit, dass ihr auch mal wieder ne Mannschaft in die erste Liga bekommt, dann noch Duisburg und Bochum dabei, dann könnten wir uns so gut jede Woche auf ein Derby freuen. Das wär’s.

Aber apropos Essen. Essen nennt sich heute noch die Einkaufsstadt. In ihrem Buch berichten sie von einer Zeit als Essen die erste Wahl zum Einkaufen im Revier war. Wann war das und warum hat es sich geändert?

Eigentlich ist das ja heute noch so. Wenn du dir den Ruhrpott anschaust und überlegst, wo du am besten Bummeln gehen kannst, dann hast du die Wahl zwischen Shoppingcentern, oder eben Essen. Da hast du die perfekte Kombination zwischen Fußgängerzone und verschiedenen Shoppingzentren mitten in der Stadt und zur Krönung ist das große schwedische Möbelhaus auch nicht weit weg. Also für alle Ehemänner, die es nicht so haben mit der Bummelei ist eine Fahrt nach Essen ne harte Nummer.

Wie sind sie eigentlich auf die Idee gekommen ein Buch zu schreiben und wann haben sie die Zeit dafür gefunden?

Ich bin ja schon ne Weile im Internet unterwegs und da kam eins zum anderen. Erst hab ich meine Nase mal in Twitter reingehalten, da kannst du ja ganz locker einfach mal so Sprüche abfeuern. Dann hab ich es mit einem eigenen Blog probiert und da Geschichten aus meinem Rentner-Leben erzählt und daraus entstand dann die Idee für das Buch. Die Zeit zum Schreiben habe ich mir einfach genommen und immer weiter und weiter geschrieben. Natürlich hat mir eine fußballfreie Sommerpause auch sehr dabei geholfen, denn da hab ich ja doch etwas mehr Langeweile als während der Saison.

Ich will ja gar nicht zu viel über den Inhalt des Buches verraten aber am Ende steht der Satz: „Das erzähle ich euch ein anderes Mal.“ Dürfen wir uns auf ein weiteres Buch freuen?

Vorfreude ist ja die schönste Freude und deshalb darf sich jeder gerne freuen. Das kann jetzt natürlich alles oder nichts heißen, aber wie das so ist im Schaugeschäft, bevor die Druckertinte nicht trocken ist, wird der Ball erst mal flach gehalten. Aber allen, die mein erstes Buch schon durch haben und sofort mehr von mir lesen wollen, kann ja geholfen werden. Auf Twitter, Facebook, Instagram und in meinem Blog berichte ich fast täglich über mein Leben und was ich sonst noch in Zukunft anstellen werde.

Bevor wir zum Ende kommen noch eine letzte Frage, um es dem nächsten, der dich interviewen darf, leichter zu machen: Welche Frage würdest du gerne mal in einem Interview gestellt bekommen?

Gute Frage. Ich überleg gerade, was in diesem Interview noch gar nicht vorkam. Und da fällt mir ein, dass wir zwar über die Stadt Essen, aber nicht über das Essen geredet haben. Und da stellt sich die Frage nach meinem Lieblingsgericht. Und das ist natürlich unsere Ruhrpott-Currywurst, die hier so schmeckt, wie sonst nirgends auf der Welt. Wenn ich aus dem Urlaub zurückkomme, spring ich quasi schon in der Hofeinfahrt aus dem fahrenden Auto und dackel zur Pommesbude. Aber wisst ihr was, neuerdings mache ich immer Fotos von den Currywürsten und da hab ich euch mal eins mitgebracht.


Ottos Currywurst der Woche
Ist das ne Currywurst, oder was? Jetzt hab ich aber auch Kohldampf ohne Ende bekommen. Also, vielen lieben Dank für das nette Interview und ich verabschiede mich jetzt mit einem herzlichen „Glück auf!“ in Richtung Pommesbude.

Gute Idee! Ich komme mit...

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