Sonntag, 24. Mai 2015

[INTERVIEW] Werner Karl

Werner Karl fotografiert von Thomas Heuchling
Der dritte Band von Werner Karls Spiegelkrieger-Trilogie ist Anfang des Monats als Taschenbuch erschienen. Meine Rezension zum ersten Band findet ihr hier. Außerdem hatte ich das Vergnügen den Selfpublishing-Autor über sein Schaffen zu interviewen.

Hallo, Werner! Herzlich willkommen in der Bibliothek von Imre! Es freut mich, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst.

Dank zurück; als Self-Publisher freut mich euer Interesse. Ja, Zeit, das ist für mich das Wichtigste überhaupt. Ich habe einen Vollzeitberuf in der Druckindustrie; bin dort für Verkauf, Beratung und technische Fragen zuständig. Sehr oft auch als so genannter Troubleshooter und Schulungsleiter. Da gehen allein schon mal mind. 45 Wochenstunden drauf. Dazu Familie, die ihre selbstverständlichen Rechte hat und bekommt. Der Rest gehört der Schreibarbeit. Ich frage mich gerade, wie ich da mehrere Bücher, etliche Kurzgeschichten und dazu noch meine Arbeit als Chefredakteur des Buchrezicenter hinbekomme (grins).



Ich muss gestehen, bevor ich „Druide der Spiegelkrieger“ gelesen habe, war mir dein Name kein Begriff. Wahrscheinlich geht es dem einen oder anderen ähnlich. Stell dich doch bitte mal kurz vor.

Gerne: Ich bin gebürtiger Nürnberger, also ein Original Peterles-Bou, wie wir in Franken sagen. Ich lebe allerdings seit 20 Jahren im Landkreis Coburg und fühle mich dort sauwohl. Ich habe viele Interessen (Geschichte, Politik, natürlich Medien, Reisen u.v.m.), sehe mich politisch als Terraner fränkischer Abstammung und natürlich als Leseratte. Im Keller lagern 1,5 to Papier in Form von ca. 8.500 Romanen und Sachbüchern. Ich dürfte so ein Drittel davon gelesen haben.

Ehrlich gesagt, bei Self-Publishing und Kleinstverlagen bin ich immer sehr vorsichtig. „Spiegelkrieger“ ist aber eine der erfreulichen Überraschungen, bei denen ich mich frage, warum sie (bislang) kein Verlag wollte. Erzähl uns doch bitte ein wenig über deine Versuche es zu publizieren.

Oh je, das gibt eine längere Antwort. Deine Vorsicht bei Self-Publishern ist verständlich, weil berechtigt. Als SP musst du eben halt alles selbst machen, bzw. organisieren und Dinge, die man nicht in vernünftiger Qualität selbst erledigen kann, an Profis abgeben … und bezahlen.

Das fängt schon mal mit dem Korrektorat und Lektorat an. Übrigens zwei Dinge, die gerne von Anfängern verwechselt und vermischt werden. Als Autor bist du schlicht und ergreifend textblind und mitunter in deine Sätze und Formulierungen verliebt. Das ist völlig normal. Ein Verwandter oder Freund als Test- oder Zweitleser ist hier aber die schlechteste Wahl. Ich habe – zumindest beim Punkt Korrektorat – das Glück, dass ich eine Rechtschreibkorinthe bin, die jeden Tippfehler als schwarzes Stäubchen auf einer weißen Weste empfindet.

Ein Lektorat ist aber etwas ganz anderes: Hier wird ein Text auf innere Logik, sprachliche Qualität, Handlungsverlauf, Spannungsbögen und noch etliche andere Dinge hin überprüft. Und das kann man alleine so gut wie nie. Ich habe meine Romane an ein professionelles Lektorat gegeben, die diese Arbeit ohne die Scheuklappen Freundschaft sauber abgearbeitet haben.

Dann kommt natürlich das Cover: Es ist die wichtigste Marketingmaßnahme für jedes Buch. Denn ist es nichtssagend, langweilig oder passt es nicht zum Inhalt, bleibt das Buch auf dem Verkaufstisch liegen. Meine Cover-Designer erhielten von mir eine kleine Liste mit Punkten, die ich haben wollte. Die Bildrecherche und Auswahl habe auch ich erledigt um ein Hin-und-Her – und damit Kosten – zu vermeiden. Ich bin begeistert, wie die meine Wünsche umgesetzt haben.

Und um auf dein eingangs erwähntes Misstrauen zurückzukommen: Etwa 70% aller Self-Publisher beachten weder die Rechtschreibfunktion ihres Textverarbeitungsprogrammes, scheinen den Duden zu ignorieren, von schrecklichen Cover mal ganz abgesehen. Gottseidank ist hier aber ein Trend zu mehr Qualität festzustellen. Und das ist gut so.

So, nun zu den Verlagen. Leider, leider tummeln sich auf dem Markt massenhaft DKZV, also Druckkostenzuschussverlage. Die zocken unbedarfte Neulinge gnadenlos ab. Ich habe erst kürzlich von einem Herrn gehört, der so einem „Verlag“ 16.000 € in den Rachen geworfen hat und so gut wie nichts als Gegenleistung erhielt. Davor kann ich nur jeden warnen.

Ganz anders die Kleinverlage: Die sind innovativ, springen auch mal über Genre-Grenzen und machen oft eine tolle Arbeit. Leider bedeutet es aber auch, dass sie nur ein sehr geringes Budget für Werbung haben.

Die großen Publikumsverlage sind mir immer noch zu sehr in ihrem Schubladendenken, sprich Programmplätze und Genre-Einteilung verhaftet. Außerdem sind die Prozesse, bis ein Buch auf den Markt kommt, einfach zu lange. Das rächt sich gerade eben durch den Boom Self-Publishing als Print und E-Book. Meine Spiegelkrieger-Trilogie ist dazu noch Dark-/History-Fantasy, passt also weder zu einem Horror- oder Dark-Verlag, ist keine reine Fantasy oder ein historischer Roman. Und wegen mir startet ein großer Verlag keine neue Genre-Linie.

Wenn ich darf, mache ich hier mal Werbung für mein
E-Book „Autor werden, Autor sein, Autor bleiben“Es gibt für Self-Publisher so viel zu wissen, dass ich aus einer eigenen To-do-Liste und meinen Erfahrungen einen kleinen kollegialen Ratgeber erstellt habe, den man für 2,99 € als E-Book sich holen kann. Ein Betrag, der mich nicht reich und den Käufer nicht arm macht. Der aber sicher vielen weiter hilft und Fallen (DKZV) und Fehler vermeiden hilft.

Jetzt ist das Buch ja bei (oder sagt man „über“?) Create Space erschienen. Wie genau funktioniert das?

Wie? Einfach genial: Gestartet habe ich natürlich erst mal für alle drei Bände mit E-Books. Der Text war fertig, zig-fach korrigiert und lektoriert, die Front-Cover (!) ebenso. Den Rest kann man alles – mit zunächst englischsprachiger Hilfe – selbst machen. Und 70% Tantiemen sind ein Argument, oder nicht? Wenn Amazon nun auch noch seine Mitarbeiter anständig bezahlt, ist auch die alte Gewerkschaftsseele in mir zufrieden.

Der zweite Schritt ist dann, aus dem Frontcover solche für den Print zu gestalten. Die Stärke des Buchrückens ergibt sich durch die Seitenzahl, Beschnitt und noch einige andere Dinge. Da wird man aber von Create Space (ein Ableger von Amazon) gut geführt. Und der Service von Amazon/CS, den Autoren genießen können, ist einfach klasse; anders kann ich es gar nicht sagen. Die sind verdammt schnell, was die Beantwortung von Fragen angeht. Änderungen sind rasch wieder online. Ich rede hier von wenigen Stunden oder 1 bis max. 2 Tagen. Dazu eine eigene Amazon-Autorenseite mit Terminkalender für Lesungen, Trailern, Klappentext, Blick ins Buch (also eine Leseprobe), Rezensionen, Rankings, Verkaufsstatistiken … alles kostenlos.


Auf deiner Homepage ist zu lesen, dass du Fantasy unter dem Namen Cameo Flush veröffentlichst. Woher kommt dieser Name und warum hast du „Spiegelkrieger“ jetzt doch unter deinem echten Namen veröffentlicht?

Das Pseudonym habe ich mir zu einem Zeitpunkt eingerichtet, wo ich noch dachte: „Mach es den Verlagen leicht!“ Cameo Flush ist natürlich ein Wortspiel, das sich aus Camouflage, also dem französischen Wort für Tarnung anbot. Meine Version hätte auch ein Amerikaner mit italienischen Wurzeln sein können (grins). Ich habe es wenig benutzt und werde es wohl auch ruhen lassen. Denn mittlerweile können selbst deutsche Autoren mit ihrem eigenen Namen mehrere Genres bedienen, ohne dass die Verlage die Hände in die Luft reißen. Markus Heitz und Frank Schätzing sind da nur zwei Beispiele von vielen. Ersterer schreibt sowohl Fantasy als auch SciFi, letzterer SciFi und Thriller. Ich werde also meine Bücher ausschließlich unter Werner Karl publizieren können.

Aber lass uns ein wenig auf den Inhalt eingehen. Wie bist du auf die Idee gekommen einen düsteren Fantasy-Roman mit einem historischen Setting zu schreiben?

„Schuld“ daran hatte eigentlich eine Autoren-Kollegin und mittlerweile Freundin von mir: Aileen P. Roberts. Ich war in meiner Funktion als Chefredakteur des Buchrezicenters auf einer ihrer Lesungen. Sie schreibt gerne und erfolgreich Schottlandromane mit romantischem Touch. Auf der Heimfahrt überlegte ich die ganze Zeit, warum die Römer niemals ganz Britannien einnehmen konnten. Ja, der damalige Kaiser Hadrian sah sich sogar genötigt, seine Besatzungstruppen gegen die Pikten und andere kaledonische Stämme durch den berühmten Hadrianswall schützen zu müssen. Um das Jahr 180 n. Chr. überrannten die Pikten aber diesen Wall … Mehr brauchte mein Autorengehirn nicht. Ich sah förmlich meinen Druiden Túan aus dem Nebel auftauchen, in seinen Händen eine Macht, mit der er eine Armee aus Spiegelkrieger erschaffen konnte.

Neben den Fantasy-Elementen gibt es auch viele historische Details. Ist das Britannien des 2. Jahrhunderts dein Steckenpferd oder musstest du viel recherchieren?

Ich sagte ja bereits, dass ich schon seit Schulzeiten ein Faible für Geschichte habe. Alternative Geschichtsverläufe sind an sich ja auch kein neues Konzept, sondern finden sich in vielen Romanen wieder. Nur, wie man seine Geschichte verlaufen lässt … da gibt es in der phantastischen Literatur eben keine Grenzen. Aus einer Ausgangssituation können sich zig verschiedene Handlungen ergeben. Anything goes ist eines meiner Lieblingsmottos.

Und ja, ich habe über Wochen und Monate recherchiert. Nun darf man sich das aber nicht als Arbeit en bloc vorstellen, sondern als ständige Aufgabe. Man recherchiert für das Gerüst, das Exposé, die Kapitelplanung natürlich am Anfang mehr als während des Schreibprozesses. Aber auch mittendrin – angestoßen durch die Inspiration und Flexibilität, die man sich trotz vorher genannter Wegmarken erhalten sollte – recherchiert man immer wieder mal Details.


Wie nah ist die fertige Trilogie eigentlich an der Idee, die du ursprünglich hattest? Weißt du vorher genau, was du schreiben wirst, lässt du dich beim Scheiben eher treiben?

Hahaha, anfänglich sollte „Druide der Spiegelkrieger“ ein Einzelroman werden. Auch in Hinblick auf die Annahme bei einem vernünftigen Verlag. Die nehmen dich eher mit einem Einzel-Debüt, als mit einer Trilogie. Aber mir war nach den ersten 80 oder 90 Seiten schnell klar, dass sich so eine Armee aus Spiegelkriegern nicht mit der Überwindung eines römischen Walles zufrieden gibt. Die würden sicher auch ihr ganzes Land von den Besatzern befreien wollen (siehe Band II: „Königin der Spiegelkrieger“). Und mitten in der Arbeit zu Band I kam mir die Idee zu einer grausamen aber logischen Konsequenz: Brannon, der Sohn des piktischen Druiden und der Römerin Lucia, verfällt der dunklen Macht, die sein Vater noch leidlich beherrscht hatte (siehe Band III: „Dämon der Spiegelkrieger“).

Wenn ich es auf deiner Webseite richtig gesehen habe, arbeitest du im Moment an einer SciFi-Trilogie. Was genau erwartet uns da?

Nein, keine Trilogie. Das werden nach jetziger Planung mindestens vier Bücher, die aber jedes für sich allein stehen und gelesen werden können. Eine gewisse Verknüpfung ist aber doch vorhanden. Dem erste Band „Black Ice: Odyssee“ fehlen noch ca. 80 oder 90 Seiten. Hier habe ich eine weibliche Protagonistin, bei der der Leser lange nicht weiß, ist sei eine Heldin, eine Agentin … oder eine Verräterin? Danach ist aber eine SciFi-Pause angesagt, da ich dann unbedingt an „Menosgada“ weiter arbeiten will. Wieder einem Dark-/History-Fantasy-Roman, der in meiner unmittelbaren Nachbarschaft spielt, nämlich auf dem fränkischen Staffelberg zu Füßen von Bad Staffelstein. Dort gab es vor rund 2.000 Jahren eine keltische Befestigung, die entweder aufgegeben oder von den Germanen erobert wurde; das ist nicht so ganz klar, stört mich aber in meiner Fantasy-Auslegung auch nicht besonders.

SciFi oder Fantasy? Was schreibst du lieber, was liest du lieber?

Ja, das ist eigentlich lustig. Ich bin Hardcore-SciFi-Fan und „fresse“ solche Bücher und Filme. Aber die Verfilmungen von Herr der Ringe und Hobbit, dazu die fantastische Filmtechnik, mit der man so gut wie jedes Lebewesen (Drachen, Gollum, Alien usw.) glaubhaft zeigen kann, haben wohl in mir schlummernde Fantasy-Geschichten geweckt. Ich werde wohl immer beide Genre lieben und in ihnen schreiben.

Bevor wir zum Ende kommen noch eine letzte Frage, um es dem nächsten, der dich interviewen darf, leichter zu machen: Welche Fragen würdest du gerne mal in einem Interview gestellt bekommen?

OK, da hätte ich eine Frage, die ich aber leider nicht selbst beantworten kann und die mir doch nicht wenig Kopfzerbrechen macht: 95% meiner Fans sind weiblichen Geschlechts, siehe die wirklich tollen Rezensionen, die mir teilweise Freudentränen in die Augen treiben. Und das, obwohl meine Spiegelkrieger-Romane wirklich brutale, grausame und stellenweise schreckliche Dinge erzählen. Hier schließt sich der Kreis zur Recherche: Die Römer und Pikten haben sich damals nichts geschenkt. Jedwede Grausamkeit, die ich in den Romanen verwende, haben die sich in der Realität auch angetan! Was sagt das über die Leserinnen wohl aus? Und warum lesen Männer grundsätzlich weniger?

Zweite Frage, wenn ich darf. Auf einen anderen Blog wurde das grün leuchtende Auge meines Druiden mit SciFi assoziiert (wahrscheinlich dachte der Rezensent an die Borgs aus Star Trek) und ging auf meine Designer los. Meine Antwort war und ist die, dass weder dieses Genre noch die Borgs die Farbe Grün für sich gepachtet haben. Grün ist z.B. bei der SciFi-Serie Green Lantern positiv besetzt. Meine dunkle Macht, aus der sich die Spiegelkrieger rekrutieren, äußerst sich eben in diesem giftgrünem Feuer aus uralten dunklen Zeitaltern … By-the-way: Der Dämon Brannon hätte eigentlich entweder gelbe Raubtier-Augen bekommen müssen, da er eine Metamorphose durchläuft oder ebenfalls ein grün leuchtendes Auge. Wir – meine Designer und ich – haben uns aber auf Rot geeinigt. Denn ein Dämon hat gefälligst rot glühende Augen zu haben, basta. Womit wir wieder beim Thema verkaufsträchtiges Cover wären (grins).


Ich bedanke mich für die wirklich interessanten Fragen und stehe gerne auch jedem zur Verfügung, der noch etwas anderes wissen will. Auf meiner Autoren-Website kann jeder das Gästebuch für Kommentare und Fragen nutzen.

Ich habe dir für die vielen spannenden und ausführlichen Antworten zu danken.


1 Kommentar:

  1. Liebe Imre,
    danke für das tolle Autoreninterview! Und lieber Werner Karl, danke für die offenen und ausführlichen Antworten. Seit ein paar Tagen treiben mich Fragen rund um das Selfpublishing um, da ich gerne Indie-Bücher entdecke und lese. Hier wurden einige dieser Fragen beantwortet. Zum Beispiel der Ablauf der Korrekturphase und die Gründe, die für Selfpublishing vs. Verlag stehen.
    So, und jetzt werfe ich die Spiegelkrieger Trilogie auf meinen Wunschstapel, der inzwischen schon fast die Decke erreicht hat. :-)
    Liebe Grüße
    loralee

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