Samstag, 22. August 2015

[INTERVIEW] Christian von Aster


Heute erscheint das neue Buch von Christian von Aster. Es trägt den Titel Das Eherne Buch. (Hier geht es zur Rezension.) Für die Bibliothek von Imre war das Anlass genug den Autor zu interviewen.

Guten Tag, Herr von Aster! Herzlich willkommen in der Bibliothek von Imre. Stellen sie sich doch bitte kurz vor.

Christian von Aster (privat)
Ich bin. Seit inzwischen mehr als vierzig Jahren. Und ich schreibe. Noch nicht ganz so lange, aber konsequent. Was immer ich für aufschreibenswert erachte. Was wiederum einigen Leuten regelmäßig lesenswert erscheint. Weshalb ich manchmal auch verlegt werde. Oder auch schon mal Preise gewonnen habe. Neben denen für meine Kurzgeschichten und Romane auch für meine Filme. Und mein Kabarettprogramm. An dieser Stelle wird vermutlich offensichtlich, dass nicht ganz klar ist, was ich eigentlich beruflich mache. In meiner Freizeit tue ich Dinge. Beruflich tue ich Dinge für Geld. Obwohl ich ursprünglich Kunst und Germanistik studiert habe. Was ich mir aber keineswegs zum Vorwurf mache.

Eigentlich bin ich kein Freund von Standardfragen, aber in ihrem Fall interessiert mich die Antwort: Wie sind sie zum Schreiben gekommen?

Mich interessiert zunächst freilich, warum es in meinem Falle interessiert ... [Weil es vielleicht eine ungewöhnliche Geschichte hinter den ungewöhnlichen Geschichten geben könnte.]
Davon ab ist die Antwort nicht besonders spektakulär und vermutlich eine durchaus nicht unübliche. Dadurch nämlich, dass ich als übergewichtiger Pubertierender ohne nennenswerte zielgruppenrelevante Talente Mädchen beeindrucken wollte. Da war Schreiben aufgrund der geringen Konkurrenz ein taktisch gut gewähltes Feld. (Wobei die Texte mir schnell wichtiger als die Mädchen wurden.)

Was motiviert sie heute zu schreiben?

Meistens Ideen. Oder Erkenntnisse. Menschen. Mitsamt der entsprechenden Umstände. Was immer meinen Geist, mein Herz, meinen persönlichen Sense of Wonder oder meine schöpferische Unvernunft stimuliert. Inspiration schleicht sich bei mir durch verschiedene Türen. Und mein fehlendes Talent, diese zu verschließen, macht mich anfällig für allerlei Motivation. Teilweise jenseits von Sinn und Vermarktbarkeit.

Das Erste, dass ich von ihnen gelesen habe, ist das wirklich wunderbare kleine Büchlein Troll!. Darin präsentieren sie dem Leser erst Vertrautes, um es dann am Ende ins Gegenteil zu verkehren. Dinge zu hinterfragen und/oder zu verdrehen ist etwas, das sich durch ihr Werk zieht. Warum?

Ich würde dieser Formulierung, respektive dieser Theorie so nicht zustimmen. Ich denke, weniger etwas ins Gegenteil zu verkehren, sondern vielmehr die Möglichkeit einer anderen Herangehensweise nahezulegen. Den Leser verführen, die übliche Lesart zu verlassen und Genregrenzen zugunsten eines freien Denkens zu ignorieren. Was meines Erachtens sowohl eine besondere Qualität als auch eine Aufgabe der Literatur ist und was herausragende Storyteller wie Roald Dahl oder Neil Gaiman meines Erachtens auch immer wieder tun. Für mich ist Literatur dementsprechend weder lediglich zur Unterhaltung noch zur Bestätigung von Vorurteilen da. Auch wenn beides einen gewissen Erfolg verspricht.

Sie machten vergleichsweise viele Lesungen und haben mit dem Stirnhinterzimmer ja sogar ihre eigene Lesebühne. Warum ist ihnen als Autor Publikumskontakt so wichtig?

Auch hier eine kurze Korrektur: Das Stirnhirnhinterzimmer, das ich gemeinsam mit Boris Koch und Markolf Hoffmann in Berlin betrieb, gibt es seit März 2015 leider nicht mehr. Mein Lesebühnenmetadon verabreiche ich mir jetzt in Leipzig mit Staun & Schauder – der Lesebühne für gehobene Mittelklassegemüter. Wobei die Vorteile regen Publikumskontaktes auf der Hand liegen. Es geht um Feedback, Austausch und Inspiration. Die Möglichkeit, literarische Mitverschwörer zu schaffen und Dinge auszuprobieren. Es gibt Orte, wo ich inzwischen seit mehr als zehn Jahren regelmäßig lese, wodurch Verbindlichkeiten und Möglichkeiten entstanden sind, wie sie nur direkter Kontakt möglich macht.

Sie lesen ja auch jedes Jahr auf dem WGT [Anmerkung der Redaktion: eine Veranstaltung der Gothic-Szene]. Das ist ja ein eher ungewöhnlicher Rahmen, zumal der Hauptteil ihres Werke ja auch nicht besonders düster ist. Wie passt das zusammen?

Die Gothic-Szene, in deren Peripherie sich übrigens sehr interessante, feinsinnige und inspirierte Menschen bewegen, hat mich vor Jahren quasi adoptiert. Das WGT gab mir eine Bühne, setzte mich drauf und lies mich lesen. Im ersten Jahr saßen da zwanzig Leute. Im nächsten Jahr 80 und schließlich füllte mein Publikum drei Mal einen Kinosaal mit 400 Plätzen. Wobei es übrigens tatsächlich Leute gibt, die der Meinung sind, dass ich ein Gothic-Autor wäre und es durchaus ein paar preisgekrönte Lovecraftreminiszenzen aus meiner Feder gibt, die gewiss nicht als undüster zu bezeichnen wären.

Viele ihrer Bücher haben eine Botschaft. Wie wichtig ist es ihnen zu unterhalten; wie wichtig etwas auszusagen?

Obwohl ‚Botschaft’ mir ein wenig moralisch und zeigefingerös klingt und ich zu hoffen wage, dass meine wortwärtigen Eskapaden nicht so rüberkommen, denke ich, dass ich gleichsam zu 100% unterhalten und etwas auszusagen trachte. Das liegt vor allem daran, dass sich beides - sobald man ein gewisses sprachliches und intellektuelles Niveau voraussetzt - keinesfalls widerspricht. Was jetzt natürlich etwas trocken und schlaumeieresk klänge, würde ich nicht als Beispiel im direkten Anschluss Monty Python anführen. Ich persönlich will grundsätzlich vor allem eine Geschichte erzählen. Aber eben in gewissen Parametern und während ich mir den Leser als mündigen Menschen vorzustellen wage.

Kommen wir zu ihrem aktuellen Werk: Das eherne Buch. Ein Buch das ich als 50 % klassische Fantasy und 50 % typischen von Aster bezeichnen würde. Wie kam es zu dem Buch?

Ich begann zu schreiben, und schrieb weiter bis das ganze irgendwann ein Buch war. Zwischendurch kamen, was das Ganze veröffentlichungstechnisch auch erst interessant machte, ein Verlag und ein Lektor dazu. Das Interesse letzterer entstand schlussendlich aus dem in der Idee ersichtlichen Potential. Es geht um ein Gleichnis vor einem quasi globalen Kriegsszenario, die Macht der Geschichten und darum, ob nicht am Ende doch die Feder mächtiger als das Schwert ist.
Da trifft meine Leidenschaft als Geschichtenerzähler dann auf die Vorliebe des Verlages für nicht austauschbare originäre Phantastik und am Ende steht ein Titel wie ‚Das Eherne Buch’.

Wie sehen sie das Buch? Ist es ein Fantasy-Roman oder ein Roman über den Krieg?

Warum ‚oder’? Es ist zugleich klassische Fantasy wie auch eine Parabel über den Krieg. Mit allen Elementen, die das eine wie das andere ausmachen. Mythologie, Macht, zwiespältige Charaktere und Abenteuer, wie sie aus den Wirren der Macht entstehen und zutiefst Menschliches, das sich mit beinahe Entmenschtem mischt. Für mich ist es vor allem die Geschichte, die ich erzählen wollte. Und ich bin dankbar, dass ich das genau so tun konnte, wie ich es wollte.

Nach der Erzferkelprophezeiung-Trilogie ist dieses Buch ihr zweiter Ausflug in die vergleichsweise klassische Fantasy. Was verbindet sie mit dem Fantasy-Genre?

Mitnichten, werter Herr Geist. Ihnen ist bei dieser Aussage ein Buch entgangen, das - obwohl ich dafür bis heute nicht bezahlt wurde – sehr wohlwollende Besprechungen erntete und ein überaus dankbares Publikum fand. Letzteres versucht mich noch immer zu bewegen, die ursprünglich als Trilogie angelegte Geschichte noch zu Ende zu führen. ‚Der Wortenhort’ war mein erster Ausflug in die klassische Fantasy und ein beinahe existentialistischer Fantasy-Roman, dessen weitere Bände noch immer in meinem Kopf rumoren.
Persönlich schätze ich an der klassischen Fantasy natürlich die Grenzenlosigkeit ihrer Möglichkeiten, das Fehlen der Grenzen, wie es Geschichten möglich macht, die - ausser vielleicht in der Science Fiction - nirgendwo sonst möglich wären. Ich ziehe es allerdings vor, diese Grenzen nicht zu ziehen. Mein favorisiertes Feld ist die Phantastik, in der für mein Verständnis die Grenzen dieser Genres fließend sind. Obwohl mich bezüglich der klassischen Fantasy natürlich auch Autoren wie Robert E. Howard oder Lord Dunsany geprägt haben.

Welche weiteren Autoren lesen sie privat gerne?

Neben Klassikern wie Lovecraft, Hoffmann oder Poe, die vermutlich jeder andere Phantastikautor ebenfalls nennen würde, schätze ich vor allem SAKI, James Robert Baker, Jan Graf von Potocki, Ambrose Bierce, Jean Paul, William Goldman, Edward Gorey oder Susanna Clarke. Autoren, die bemerkenswerterweise nicht selten schon länger tot, vollkommen unzeitgemäß und teilweise nicht wirklich bestsellertauglich sind.

Auf welche Projekte von ihnen dürfen wir uns in der nächsten Zeit freuen?

Neben einer Best of Sammlung, die kommenden März bei Golkonda erscheint und der von mir bei Feder & Schwert herausgegebenen Phantastikanthologie ‚Die Bakerstreet-Artefakte’ harren eine limitierte Flaschenpost, der vierte Band meiner Pulpserie ‚Schwestern der begrenzten Barmherzigkeit’, sowie die Hörbuchumsetzungen einiger meiner Märchenbücher darauf, in die Welt gebracht zu werden. Darüber hinaus ein obskures Social Media-Projekt sowie die ebenso kontroverse wie wirklich wahre Wahrheit über Sherlock Holmes. Und natürlich der Roman, den ich mich zu schreiben entscheide. Was allerdings jene, die ich darob nicht schreiben werde, vermutlich etwas erzürnen wird.

Bevor wir zum Schluss kommen, noch meine klassische Abschlussfrage: Welche Frage, die ihnen noch nie in einem Interview gestellt wurde, würden sie gerne einmal beantworten?

Ich denke, genau das war sie. Und ich bin froh, dass ich sie nach all den Jahren tatsächlich endlich einmal beantworten durfte.


Vielen Dank für das Interview!

1 Kommentar:

  1. Klasse Interview! Christian von Aster ist einfach großartig. Bei mir kann man heute sogar ein Exemplar vom Buch gewinnen :)
    http://projekt-ghostreader.blogspot.de/2015/08/rezension-gewinnspiel-das-eherne-buch.html
    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen