Samstag, 30. Januar 2016

[INTERVIEW] Akram El-Bahay über Flammenwüste II


Im Herbst 2014 legte Akram El-Bahay mit Flammenwüste ein viel beachtetes Debüt vor, für das er letztes Jahr von der Phantastischen Akademie mit dem SERAPH für das beste Debüt ausgezeichnet wurde. Dieses Jahr ist er wieder für den SERAPH nominiert und zwar in der Kategorie Bestes Buch. Grund genug, ihn erneut zum Interview zu bitten.

Herzlich willkommen, Akram. Schön, dich schon zum zweiten Mal hier zum Interview begrüßen zu dürfen.

Hallo, vielen Dank für die Einladung! 

Beim letzten Mal haben wir die ganzen Standardfragen ausgelassen. Lass uns doch ein paar davon nachholen. Wie bist du eigentlich zum Schreiben gekommen?

Gerne geschrieben habe ich schon seit der Schule und den Wunsch, einen Roman zu schreiben, hatte ich bereits seit dieser Zeit. Richtig ernst aber wurde es erst nach dem Studium, als meine spätere Frau einmal beim Frühstück meinte, dass ich einfach mal mit dem Schreiben anfangen sollte. Und das habe ich dann getan. Die Idee für Flammenwüste, mein Debütroman, ist aus meinen arabischen Wurzeln entstanden. Eine Drachen-Fantasy-Geschichte, die in einer Welt mit Motiven aus 1001 Nacht spielt. 

Wie sieht der Prozess des Schreibens bei dir aus? Planst du viel oder schreibst du eher darauf los?

Am liebsten würde ich tatsächlich einfach drauf losschreiben. Aber vermutlich würde ich spätestens nach zwei Kapiteln vom Weg abkommen. Eine gute Planung des Romans ist entscheidend. Erst wenn die Geschichte in ihren wesentlichen Teilen steht, fange ich an. Natürlich kommen beim Schreiben selbst noch viele Ideen dazu, aber sie müssen in das Grundgerüst der Geschichte passen.

Wie hast du es eigentlich geschafft, dass dein erstes Buch direkt in so einem namhaften Verlag erschienen ist?


Beim Finden des Verlags haben natürlich Glück und Timing geholfen. Da ich den Buchmarkt nicht besonders gut kannte, habe ich mich zunächst am Handbuch für Autoren (Uschtrin) orientiert. Das Manuskript war bereits fertig, aber das Exposé musste ich noch in Form bringen. Mit einer Leseprobe und der Zusammenfassung habe ich dann einige auf Fantasy spezialisierte Literaturagenturen angeschrieben. Eine der ersten, Scriptzz aus Berlin, hat mich genommen und ist auf die Suche nach einem Verlag für Flammenwüste, das damals noch Das Wort der Wüste hieß, gegangen. Als meine Agentin hörte, dass Bastei Lübbe gerade nach einer Drachengeschichte sucht, hat sie der Lektorin das Manuskript angeboten. Einen Verlag dieser Größe zu finden war natürlich ein Glücksgriff.

Hast du irgendwelche guten Ratschläge für angehende Autoren?

Immer beharrlich bleiben, nie zurückwerfen lassen. Ich schätze, dass dies vielleicht der beste Rat ist, auch wenn ich ja selbst noch recht frisch bin. Mein Debüt Flammenwüste ist gerade erst 2014 erschienen. Angehende Autoren sollten auch bedenken, dass das Schreiben eines Romans nur der erste von vielen Schritten auf dem Weg zum eigenen Buch ist. Die Suche nach einem Verlag ist mindestens genauso steinig. Und wenn man ihn gefunden hat, geht die Arbeit erst richtig los. Überarbeiten, kürzen, hinzufügen – am Manuskript gibt es immer etwas zu tun. Man muss offen sein für Verbesserungsvorschläge. Nur so kann man sich weiterentwickeln. Auch wenn der eigene Name am Ende auf dem Einband steht, fließt auch die Arbeit von Anderen in das Buch mit hinein.

Beim letzten Mal hieß es ja noch, dass es einen dritten Band geben könnte. Wenn man Band zwei gelesen hat, ist klar, dass es den dritten geben muss. Wie geht es weiter? Kommt Band 3? Wird die Geschichte nach Band 3 abgeschlossen sein?

Der letzte und abschließende Flammenwüste-Band ist tatsächlich schon sehr weit geschrieben – und es gibt bereits ein Veröffentlichungsdatum: den 9.September 2016. Zum Inhalt will ich natürlich nicht allzu viel verraten. Flammenwüste 2 – Der Gefährte des Drachen endet mit einem klassischen Cliffhanger. Und genau an dieser Stelle setzt Flammenwüste 3 – Der feuerlose Drache an. Der junge Geschichtenerzähler Anûr ed-Din, der im ersten Band in sein Abenteuer gestolpert ist, will den dunklen Magier Nyan, der um jeden Preis das erste aller Worte in seine Gewalt zu bringen sucht, endgültig aufhalten. Dabei gerät er an die mächtigen Dschinnen und reist mit seinen Freunden weiter durch die Tiefe Wüste bis hin zum Wald der 1001 Palmen und zur Stadt Nubiéd. Dabei setzt er alles auf die Freundschaft zu Meno, dem feuerlosen Drachen.

Bist du mit den Träumen und Eisernen Herzen schon weitergekommen?

Beide Buchprojekte sind noch aktuell, auch wenn sie noch nicht erschienen sind bzw. noch kein Veröffentlichungsdatum haben. Die Träume, die eher in den Jugendbuchbereich gehören, sind bereits ziemlich weit geschrieben, beinahe schon in Romanform. Von den Eisernen Herzen existieren immerhin knapp 100 Seiten. Ich musste die beiden Projekte aber angesichts des dritten Flammenwüste-Romans erst einmal hintenanstellen. Und dummerweise ist mir bereits die nächste Idee für ein Projekt dazwischengekommen. Ich denke, wenn der Abschluss der Flammenwüste-Trilogie in Druck ist, wird sich entscheiden, mit welchem Ansatz ich weiterarbeite.


So, kommen wir zu den Fragen, die du dir beim letzten Mal gewünscht hast: Was macht eine „echte“ Geschichte aus 1001 Nacht aus und warum gehören Aladin und Ali Baba nicht dazu?

Eine echte Geschichte aus 1001 Nacht macht vor allem aus, dass sie ein wirkliches Märchen aus der Region ist und in den Urtext der Sammlung gehört. Ihren Ursprung haben die 1001 Nächte vermutlich in Indien. Darauf deutet zumindest die Rahmenhandlung hin. Mit arabischen Händlern kamen die Erzählungen in die Länder des Nahen Ostens, aus denen wiederum eigene Erzählungen in die Sammlung eingeflossen sind. Daraus ist dann die eigentliche Schachtelerzählung entstanden, die echten Erzählungen aus 1001 Nacht. Ihren Weg nach Europa fand 1001 Nacht dann Anfang des 18. Jahrhunderts dank des französischen Übersetzers Antoine Galland. Es wird vermutet, dass er auch einige eigene Geschichten dazu erfand. Dazu gehört wohl auch Aladin und die Wunderlampe. Andere Erzählungen, die man 1001 Nacht zurechnet, sind zwar aus der Region, kamen aber ebenfalls erst über den Übersetzer dazu, so etwa Ali Baba und die 40 (eigentlich: die vielen) Räuber, die vermutlich aus Syrien stammen. In der ältesten erhaltenen Fassung reichen die 1001 Nächte lediglich bis zu 282ten. In die längeren Versionen sind also einige Geschichten eingeflossen, die ursprünglich nicht dazu gehörten. Die bekannteste, echte Erzählung aus 1001 Nacht ist die vom Fischer und dem Ifriten, die den Ursprung für die Flaschengeister darstellt und auch in Grundzügen in dem wunderbaren Film Der Dieb von Bagdad (1940) auftaucht.

Warum ist dieses alte Buch (Geschichten aus 1001 Nacht) heute noch lesenswert?

Im Grunde ist die Antwort ganz einfach: Weil es einen Blick in die Vergangenheit einer sehr alten Gesellschaft erlaubt. Märchen beschreiben den Charakter eines Landes oder gar einer ganzen Region. Und die Erzählungen aus den 1001 Nächten sind dazu noch wunderschön geschrieben.

Erzähl doch mal ein bisschen mehr über die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher!

Die Bibliothek ist ein entscheidender Ort in meiner Trilogie. Sie beherbergt Bücher und Texte jeder Art, die zwar jemand einmal hat schreiben wollen, es aber bislang nicht gemacht hat. Oder vielleicht sogar nie tun wird. Eben ungeschriebene Bücher. Ich fand und finde die Vorstellung, dass es einen solchen Ort gibt, sehr märchenhaft, auch wenn die Idee dazu eher wissenschaftlich ist. Genauer gesagt hat mich die Vorlesung Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung, die jeder Biologiestudent im ersten Semester hinter sich bringen muss, inspiriert. In der Vorlesung ging es unter anderem um Ereignisse und ihre Kombinationsmöglichkeiten. Dabei kam ich auf die Frage, was geschehen würde, wenn man alle Buchstaben und alle möglichen Wörter miteinander mischt. Natürlich würde dabei wahnsinnig viel Unsinn entstehen, aber eben auch Texte, die sehr wohl Sinn ergeben. Bezogen auf Romane von, sagen wir 500 Seiten, würden dann nicht nur alle Bücher darunter sein, die schon geschrieben wurden, sondern auch die, die noch geschrieben werden könnten. Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher ist die märchenhafte Ausgestaltung dieser etwas nüchternen Idee. In dieser Bibliothek findet Anûr im ersten Flammenwüste-Band einen Brief, den ihm jemand nie geschrieben hat. Und er entdeckt dort ein nie geschriebenes Buch seines Großvaters.


Gibt es eigentlich eine „orientalische“ Idee hinter dem ersten Wort? Ich musste bei dem Begriff an die Bibel denken, aber das ist ja vermutlich nicht die Geschichte auf die du anspielst.

Nun, das biblische „Im Anfang war das Wort“ hat schon in die Idee mit hineingespielt, dass es ein Wort gibt, dass die Welt selbst erschaffen hat und damit der Ursprung aller Magie ist. Wichtiger aber war die Bedeutung der orientalischen Erzählkunst. In den Ländern des Nahen Ostens haben Geschichten und das Erzählen dieser Geschichten seit jeher einen hohen Stellenwert besessen. In einer Region, die weit und eintönig genug ist, um Platz für alle möglichen Erzählungen zu bieten, ist es wohl kein Wunder, dass gerade diese Kunstform aufblüht. Die gesprochene Sprache ist wichtig in den arabischen Ländern. Und somit war es für mich auch klar, dass ich die Sprache nicht nur benutze, in dem ich arabische oder persische Begriffe wie Musachir (der Reisende) oder Mât (Tod) in Flammenwüste einbaue, sondern dass sie selbst eine Rolle spielt. Eben als Objekt, das alle suchen. Das erste aller Worte. Was sonst könnte in einer Wüstenwelt voller Stille gefährlicher sein?

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

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